Schwarzwälder Bote

Bilder im Grenzgebiet zwischen Sein und Schein

Südwestpresse,
eb 13.11.2018:

Im Kalendermuseum fand die Vernissage zur Doppelausstellung „Woher – wohin?“ mit Fotografien von Susanne Wais und Radierungen von Karmen Vračun statt. Hier haben sich zwei Künstlerinnen getroffen, die dem gleichen Sujet nachspüren, dabei aber sehr unterschiedliche Herangehensweisen vorweisen: Was ist wahr, was war, was ist und was ist wirklich?

Mit „Metamorphosen“ hätte die Ausstellung mit Fotografien von Susanne Wais und Radierungen von Karmen Vracun, die im Kalendermuseum eröffnet wurde, auch betitelt werden können. Sie lotet gewissermaßen die Unterschiede zwischen Sein und Schein aus, wobei die Exponate eine Gradwanderung darstellen, bei der die Wirklichkeit zwischen simulierten Realitäten oszilliert. So zeigen Karmen Vracuns Radierungen zwar allesamt Aktdarstellungen weiblicher Körper, die jedoch durchaus zu hinterfragen sind.

Und das ist es auch, was beide Künstlerinnen eigentlich wollen: Die Auseinandersetzung des Betrachters mit dem Oeuvre. Wie bei den Radierungen, die teilweise auf den beschichteten Innenseiten leerer Milch-Tetrapaks angefertigt wurden, um diese dann als Druckmatrize zu benutzen. Auf Papier gedruckt zeigen die nunmehrigen Exponate seltsam verwundene Körper, bei denen die Extremitäten ein Eigenleben zu haben scheinen. Derart verwunden, das neue humanoide Wesen entstehen. Woher – wohin?

Die Fotografien von Susanne Wais sind hingegen komplex angefertigte Mehrfachbelichtungen sowie großformatig faszinierende Spiegelungen von vornehmlich in Grautönen gehaltenen menschlichen Gestalten. „Reisen ist ein Teil von mir“ sagt die Künstlerin, wovon die vielen kleineren und farbigen, mehrfach belichteten Fotografien Zeugnis ablegen. Hier werden natürlich wie im Fotoalbum Erinnerungen konserviert. Und um Erinnerungen, genauer um deren Flüchtigkeit geht es Wais auch. Sie verändern sich und sind letztlich so etwas wie eine Funktion der Zeit. Bereits nach kurzer Zeit sei die Erinnerung an das vorhin Stattgefundene schon anders, erklärt sie.

Bei Häppchen, Sekt und Saft kamen die reichlich erschienenen Besucher dann ins Gespräch mit den Künstlerinnen, wobei sich so mancher noch das Kalendermuseum anschaute. Das ist für manch einen ein Geheimtip. Das 2009 von Friedrich Bayer gegründete und weiterhin geleitete, im Oldtimer-Museum befindliche Kalendermuseum hat eine große Auswahl an Kalendern jeglicher Couleur. Hier sind nicht nur die unterschiedlichsten Genres bildender Kunst und der Fotografie zu sehen, auch manch Skurriles weckt das Interesse des Besuchers. Und – die Dauerausstellung spiegelt die Geschichte. So sind in einer Vitrine Kalender aus der Zeit des Ersten Weltkriegs zu sehen. Einer davon zeigt die „Höhe 304“, ein Schlachtfeld, dessen „Nachtleben“ poesievoll in Reimen beschrieben ausdrückt, woraus der Urheber Hoffnung im Angesicht des tausendfachen Todes schöpfte.

Die Vernissage passte zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs. Sie begann um 11.00 Uhr just an jenem Vormittag, als 100 Jahre zuvor im französischen Compiègne der Waffenstillstand zwischen dem Deutschen Reich und den Westmächten geschlossen wurde.