Schwarzwälder Bote

Hosenträger-Spangen markieren Tage

04.01.2015: Von Andrea Maute

Hechingen: „Jedes Kalenderblatt ist ein Wertpapier, dessen Kurs wir selbst bestimmen“, sagte einst der Werbefachmann Karl-Heinz Karius. Immer hoch im Kurs steht der Kalender bei Friedrich Bayer, dem Betreiber des Deutschen Kalendermuseums in Hechingen. Kalender begleiten die Menschen durch Tage, Wochen, Monate und Jahre, sie dokumentieren, wie die Zeit verrinnt und Vergangenes Neuem weicht. „Kalender, Kalender, du bist ja schon so dünn“, heißt es in einem Lied angesichts der wenigen Blätter, die kurz vor Jahresfrist noch einsam in ihrer Hülle baumeln. Neues Spiel, neues Glück, mag das Motto lauten, wenn sich nach dem Knallen der Silvesterkorken dann in Buchdicke 365 neue Chancen eröffnen. Ob diese Tage nun im Monatsrhythmus auf zwölf Seiten gebannt sind, ob ihnen 365 einzelne Blätter oder gar ein ganzes Buch gewidmet werden – die Art und Weise, wie sich die Jahresbegleiter präsentieren, zeugt von der immensen Kreativität ihrer Schöpfer. Immer wieder aufs Neue fasziniert ist davon Friedrich Bayer, der dem Kalender in Hechingen ein Denkmal gesetzt hat. In Deutschlands einzigem Kalendermuseum, das in den Räumen des Oldtimermuseums Zollernalb beheimatet ist, macht er seine Schätze der Öffentlichkeit zugänglich. Rund 20 000 Exemplare hat Bayer in den vergangenen 42 Jahren mit viel Herzblut zusammengetragen, das älteste stammt von 1777. Einen Teil davon präsentiert er den Besuchern in wechselnden Ausstellungen, die oftmals einen thematischen Bezug zu bestimmten Ereignissen haben. So war ein Schwerpunkt 2014 etwa der Erste Weltkrieg, dessen Beginn sich im August zum 100. Mal jährte. Sorgfältig wurden die Original-Kalender aus den Kriegsjahren in einer Vitrine arrangiert. Auch viele weitere ganz besondere Exponate haben hier ihren Platz gefunden, darunter ein handkolorierter Münchner Marienkalender von 1946 – ein Unikat mit Fadenheftung, das biblische Szenen zeigt. Höher schlägt das Herz des Kunstfreundes auch beim Anblick eines immerwährenden Jahresbegleiters aus dem 18. Jahrhundert, den die vier Jahreszeiten zieren. Kurios mutet ein Jeans-Kalender aus den 70er-Jahren an, bei dem jede Hosenträgerspange einen Tag markiert. Zu sehen sind im Museum Exemplare aus aller Herren Länder. Bei einem Exponat aus Japan verbirgt sich der Kalender etwa hinter einem silbernen Spiegel. Schon bevor der Besucher den Museumsraum betritt, fesseln seinen Blick jedoch die Hochglanz-Kalender der Firma Lambertz, die großformatig die Wände schmücken. Seit 2004 werden Models darin aufwändig in Szene gesetzt. „Das ist Fotokunst par excellence“, schwärmt Bayer angesichts der Profi-Aufnahmen und ist stolz, dass er zum Kreis der Auserwählten gehört, die jährlich einen der auf 1000 Stück limitierten Jahresbegleiter erhalten. Auch von vielen anderen Institutionen wird der Museums-Betreiber beliefert. Regelmäßig erhält er etwa den ältesten Volkskalender Deutschlands, den Straubinger Kalender, der mittlerweile in der 419. Auflage erschienen ist. Weiter bekommt Friedrich Bayer Sammlungen von Privatleuten, die ihre Schätze bei ihm in den besten Händen wissen. Doch auch sein Bestand ist noch nicht gesichert, die Zukunft seines Lebenswerks ungewiss. Um dieses einzigartige Kulturgut zu bewahren, würde Bayer, der 2015 eine Ausstellung von Kalendern mit Filmplakaten plant, seine Sammlung gerne einem Träger der öffentlichen Hand übergeben. Denn Kalender, so weiß der Experte, sind schließlich „ein Spiegel der Gesellschaft.“